Bioakustik oder Sektion?

Die Oberstufenschüler der Schule am Meer (SaM) in Büsum waren zu Gast bei den Wissenschaftlern des ITAW (Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung), ein Institut der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) und erlebten aktuelle Forschung zum Hörvermögen von Schweinswalen und die Sektion eines toten Seehundes und Schweinswales. (Text und Foto: Frau Dr. Poremba)

aktust

Im Rahmen der außerschulischen Zusammenarbeit arbeitet das SaM seit ca. 10 Jahren immer wieder mit Mitarbeitern des ITAWs zusammen. Gerade die Oberstufenschüler sollen Einblicke in das naturwissenschaftliche Arbeiten bekommen, um sich später leichter für ein Hochschulstudium entscheiden zu können.

Am 12. Juli war es wieder so weit: Die Mitarbeiter des ITAW hatten Versuche zur Bioakustik und die Beobachtung der Sektion eines am Strand gefundenen Seehundes und eines Schweinswales vorbereitet.

Vor dem Besuch der Sektion wurde nach einer kurzen Einweisung in die Anatomie der Tiere und die zu beachtenden Sicherheits- und Hygienevorschriften erst einmal die obligatorische Schutzkleidung angezogen. Dabei war den Schülern die Spannung und Neugier schon deutlich anzumerken, und das verstärkte sich, als beim Betreten des Sektionsraums ein leichter „Nasser-Hund-Geruch“ zu bemerken war. „Was kommt jetzt auf mich zu und bin ich dieser Aufgabe gewachsen?“ waren die beherrschenden Gedanken. Die Tierärzte Anja Reckendorf und Marco Roller demonstrierten nun beim Eröffnen des Tierkörpers eindrucksvoll die wissenschaftlichen Aufgaben eines Wildtierforschers. Jeder Schritt wurde dokumentiert: zuerst eine Bestimmung von Geschlecht, Alter, Größe, Länge, Ernährungszustand, äußeren Wunden und Ektoparasiten, sowie einer Begutachtung des Zahnzustands, und dann wurde das Innenleben der Tiere in Augenschein genommen. Nach einer gewissen Zeit des Eingewöhnens und Beobachtens konnten die Schüler selbst Hand anlegen und haben sehr gewissenhaft Organe wie Leber, Herz, Lunge, Nieren und Darm unter medizinischen Gesichtspunkten begutachtet. Unter den erfahrenen Blicken der Tierärzte konnte geklärt werden, woran das Tier höchstwahrscheinlich gestorben war.
„Das war so supercool“, meinten Jens und Laura, die jetzt schon wissen, dass sie später im medizinischen Bereich tätig werden wollen, und widmeten sich sofort wieder der Segelklappe des Herzens, welches sie gerade aus dem Seehund heraus präpariert hatten. Nach gut zwei Stunden kamen die Schüler voller neuer Eindrücke zurück in den Gruppenraum, um sich auszutauschen.
Bei den Versuchen zur Bioakustik wurde das zurzeit sehr aktuelle Forschungsfeld der Lärmbelastung unserer Meere behandelt, mit dem sich die Biologen Tobias Schaffeld, Dr. Joseph Schnitzler und Johannes Baltzer beschäftigen. Anfangs wurde mit den Schülern die Frage diskutiert, ob auch der Mensch Gegenstände durch Echoortung erkennen kann. Im Anschluss wurden sogleich die entwickelten Ideen und Ergebnisse präsentiert. Das Gespräch mit den Biologen führte zu einem besseren Verständnis der praktischen wissenschaftlichen Herangehensweise: gezieltes Beobachten in der Natur, die Formulierung von Fragestellungen, Bildung von Hypothesen und anschließende Versuchsdurchführungen. Die Mitarbeiter des ITAWs demonstrierten, wie sie in ihrem aktuellen Projekt mit Hilfe von Unterwasser-Mikrophonen (Hydrophone) Hintergrundschall messen und die Reaktion von Schweinswalen untersuchen. Denn mit solchen Klicks (bis zu 1000 Klicks pro Sekunde!) kommunizieren die Tiere und orten auch dabei ihre Nahrung. Das ist im Zusammenhang mit dem zunehmendem Schiffsverkehr und den entstehenden Offshore-Windanlagen als brisant zu sehen, denn deren Bau und Betrieb stören die natürliche Geräusch-Kulisse im Meer. Man könnte z.B. Methoden entwickeln, mit Hilfe von künstlich erzeugten „Wänden“ aus Luftblasen die Lärmbelastung in der Nähe der Anlagen zu reduzieren, oder die Tiere mit Lockrufen von den Anlagen fernzuhalten.

Doch was hat Bioakustik mit einer Sektion zu tun? Mensch und Tier werden auf Dauer durch Lärm krank. Stress ist die Folge und führt zu Gewichtsverlust, Immunschwäche und Verhaltensänderungen der Tiere – im schlimmsten Fall zu deren Tod. Den Schülern wurde klar, dass Stille ein kostbares Gut ist, das es zu bewahren gilt.